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Lesben und Nationalsozialismus: Essays

(K)eine von uns? Vom schwierigen Umgang mit ‚zwiespältigen Ahninnen’ (1991)


Reflexionen zum „negativen lesbischen Eigentum“ (1994)


Lesben/lesbisches Verhalten in nationalsozialistischen Konzentrationslagern (1994,
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(K)eine von uns? Vom schwierigen Umgang mit ‚zwiespältigen Ahninnen’ (1991)


„Mit der Geschichte zu leben, kann bedrückend sein, aber die Alternative ist die Verbannung“ (Joan Nestle 1987, Übers. U.J.)1


Die Geschichte lesbischer, frauenliebender Frauen2 ist seit einigen Jahren einer meiner Lieblingslesestoffe. Die Lebens- und Liebesgeschichten unserer „Schwestern von Gestern“ (Alexandra Busch) fesseln mich weitaus mehr als Lesbenkrimis oder sonstige Lesbenschmöker. Ich denke, dass ich autobiographisches und biographisches Schreiben von und über Lesben oft ähnlich gelesen habe wie sonst leichte Lektüre: Als unterhaltsames, oft spannendes, mit mehr oder weniger Glanz und Glamour umgebenes Lesevergnügen. Wobei dieser Glanz manchmal tatsächlich im Leben der bekannten, eben häufig nicht unerheblich wohlhabenden historischen Lesben vorhanden ist, oder von meinem leicht nostalgischen Blick über weniger glänzende Lebensumstände gelegt wird. Im Leben all dieser Lesben finde ich auch Erfahrungen, die ich als feministische Lesbe heute als Auswirkung hetero-sexistischer Unterdrückung benennen würde. Diese waren individuell sehr unterschiedlich und hinsichtlich ihrer Bedeutung auch abhängig davon, wie privilegiert die einzelne war. Lesbische Töchter reicher Eltern erlebten den familiären Widerstand gegen ihr Lesbischsein meist nur solange als bedrohlich, bis sie in den Besitz ihres Erbes gelangt waren – Enterbung scheint eine zwar häufig angedrohte, aber selten erfolgte Maßnahme gewesen zu sein. Und finanzielle Unabhängigkeit, die Arbeit als Gelderwerb unnötig macht, schützt vor vielen, wenn auch nicht allen, Folgen von Lesbenfeindlichkeit und -hass.


Als Lesbe, als frauenliebende Frau sichtbar zu sein, war (und ist) viel schwieriger für Lesben, die ihren Lebensunterhalt selbst sichern mussten; dennoch haben es viele von diesen gewagt, sichtbar zu werden.


Geld, Bildung und damit verbunden: Zeit bestimmen auch, welche Lesbe schrieb über sich selbst geschrieben hat, und das heißt, über welche heute gelesen und geschrieben werden kann. Dementsprechend ist unser Wissen über weniger begüterte oder gar arme Lesben aus der Arbeiterinnen- oder unteren Mittelschicht sowie nichtweiße Lesben innerhalb oder außerhalb Westeuropas bzw. Nordamerikas gering. Das wenige Wissen, dass wir haben, etwa über proletarische Lesben in den westeuropäischen Metropolen der zwanziger Jahre dieses Jahrhunderts oder über chinesische Eheverweigerinnen vom frühen 19. bis zum frühen 20. Jahrhundert (Raymond, 1986), bleibt anonym und verdichtet sich nicht zu individuellen Lebensgeschichten.3


Die Faszination historischer Lesben besteht für mich vor allem in den Möglichkeiten zur Identifikation, die sie mir als Lesbe heute bieten. Identifikation kann sehr unterschiedliches bedeuten.4 Eine Möglichkeit ist die der Identifikation auf Grund von Ähnlichkeiten, Gemeinsamkeiten, Gleichheiten: Ich erkenne mich in der anderen wieder, oder erkenne etwas von mir in ihr, und kann mich deshalb mit ihr identifizieren. „Sie war Lesbe“ – „Ich bin Lesbe“ reicht mir bei den historischen Lesben aus, um Identifikation möglich zu machen. Und dies gilt trotz deutlich wahrgenommener unterschiedlicher historischer Bedingungen – was hieß Lesbischsein, Frausein damals, was heißt es heute – und trotz sehr unterschiedlicher gesellschaftlich-ökonomischer Lebenssituationen.


Eine ganz andere Art von Identifikation ist die, die gerade auf Grund von Unterschieden entsteht. Das bedeutet, ich identifiziere mich mit historischen, besonders berühmten, vielleicht auch „berüchtigten“ Lesben nicht nur, weil sie Lesben waren, sondern auch, weil sie so anders als ich gelebt haben. Glanz und Glamour (echt und unecht) von „Sub“ und „Salon“ als Teil meiner/unserer Geschichte begreifen zu können – und das geschieht durch u.a. diese Identifikation – ist etwas, was ich nicht missen möchte. Ich verstehe diese Art der Identifikation als die spielerische, lustbetonte Variante, verwandt dem flüchtigen Vergnügen an einem kitschigschönen lesbischen Roman oder am Spaß, für eine Festnacht unter dem Motto „Frack oder Fummel“ in klare lesbische (?) Rollen zu schlüpfen. Ganz „politisch korrekt“ ist nichts davon, das weiß ich als radikalfeministische Lesbe sehr wohl; ebenso weiß ich, dass ich mir dies nicht nehmen (lassen) werde!


Es sind wohl gerade diese unterschiedlichen Aspekte möglicher Identifikation(en) im Spannungsfeld zwischen Gemeinsamkeiten und Unterschieden, die mir die Beschäftigung mit lesbischer Herstory so aufregend und angenehm machen. Seit geraumer Zeit beobachte ich aber ein Phänomen, das mir das Lesevergnügen „Lesbengeschichte“ nachhaltig beeinträchtigt, das mich herausfordert, gar von mir verlangt, die wohlig-angenehme Atmosphäre, die Gespräche oder Veranstaltungen darüber häufig kennzeichnet – eben den Hauch von Salon oder Sub – zu durchbrechen und Widersprüche, Brüche in den Vordergrund zu rücken. Konkreter: Je mehr, je intensiver ich mich mit den Lebensgeschichten einzelner historischer Lesben beschäftige, desto häufiger tauchen Punkte, Sätze, Zitate oder Vorfälle auf, die ich gerne überlesen, schnell wieder vergessen oder mir möglichst gar nicht erst merken würde.


Ich habe beispielhaft vier lesbische/frauenliebende Frauen ausgesucht, die verdeutlichen sollen, was mir Probleme bereitet. Alle vier wurden zwischen 1860 und 1890 geboren. Eine von ihnen – Nathalie Clifford Barney – war US-Amerikanerin, die in Paris lebte, eine war Engländerin – Radclyffe Hall – und zwei waren deutsche Frauen – Käthe Schirmacher und Charlotte Wolff, die als deutsche Jüdin 1933 vor den Nazis flüchten musste, und dann zunächst in Paris, später in London gelebt hat.


Mich haben diese Frauen interessiert, weil sie Frauen geliebt haben, mit Frauen gelebt und gearbeitet haben, weil sie über lesbische Frauen – in ganz unterschiedlicher Weise – geschrieben haben; dies betrifft alle vier Frauen; weil sie wichtige ‚Frauenorte’ geschaffen haben wie Nathalie Barney, an denen Frauen gefördert und gefeiert wurden oder weil sie in der Frauenbewegung ihrer Zeit aktiv waren wie Käthe Schirmacher. Alle vier haben die grundlegenden Forderungen der Frauenbewegung ihrer Zeit – Wahlrecht, Recht auf Bildung und (ökonomische) Unabhängigkeit vom Mann – zumindest zeitweise unterstützt. Dies ist ein Grund mehr, die Auseinandersetzung mit „ihrer“ Geschichte auch als eine mit „unserer“ Geschichte zu führen; dies trotz aller zeitlichen, sozialen und kulturellen Unterschiede.


1. Nathalie Clifford Barney


Nathalie Barney wurde 1876 in Dayton, Ohio in den USA geboren und lebte seit 1898 in Paris, wo sie 1972 starb. Sie war selbst Schriftstellerin (s. Literatur), ist uns heute aber viel bekannter als Förderin, Freundin und Geliebte/Liebhaberin anderer künstlerisch tätiger Frauen. Als Erbin eines Millionenvermögens konnte sie Schriftstellerinnen und Malerinnen außer der ideellen auch großzügige materielle Unterstützung bieten; so ermöglichte sie etwa noch unbekannten Schriftstellerinnen durch Lesungen in ihrem berühmten „Freitagssalon“ in der Rue Jacob den Zugang zu einem interessierten Publikum, und durch die Übernahme von Druckkosten (wie z.B. für Djuna Barnes „Ladies Almanach“) erleichterte sie die Veröffentlichung von Texten lesbischer Autorinnen. Nathalie Barney war sehr ernsthaft interessiert an lesbischer Geschichte; sie lernte griechisch, um Sappho im Original lesen zu können und machte, zusammen mit der Schriftstellerin Renée Vivien, Pläne für eine Art „sapphischer Frauenschule“ auf Lesbos; ihr Salon und besonders die dort stattfindenden Veranstaltungen ihrer „Akademie der Frauen“ stehen in diesem Zusammenhang.


Nathalies besondere Wertschätzung galt der dauerhaften, möglichst lebenslangen Freundschaft unter Frauen. Während des 1. Weltkrieges war sie offene Pazifistin und verweigerte jegliche Hilfeleistung für den Krieg. „Ich freue mich, von keinerlei Nutzen zu sein“ (Chalon 1980, S. 135), sagte sie angesichts des Eifers ihrer Freundinnen, Ambulanzen zu fahren oder Lazarettschwester zu sein und organisierte im Frühling 1917 einen „Frauenkongreß für den Frieden“ in ihrem Haus.


Shari Benstock zeigte in ihrem Buch „Women of the Left Bank“ an einer Reihe von Zitaten aus Nathalie Barneys nichtveröffentlichten autobiographischen Aufzeichnungen „Erinnerungen einer europäischen Amerikanerin“ Barneys Entwicklung zu einer Bewunderin Mussolinis und des italienischen Faschismus, sowie zu einer Befürworterin des Antisemitismus. Benstock schreibt, dass Barney in jüngeren Jahren stolz auf die jüdischen Vorfahren ihrer Mutter war, sich aber während des italienischen Faschismus und Nationalsozialismus zunehmend antisemitisch äußerte. Zitat Barneys: „Sie (die Juden) kommerzialisierten zunächst die Welt, benutzten dann ihren Verstand, um die Welt in Kriege zu treiben, die noch größere Profite sichern, und sie beim anschließenden Handel als beschädigte Ware ganz in ihre Hand zu bekommen“ (Benstock 1987, S. 414, Übers. U.J.).


Ebenfalls während des 2. Weltkrieges schrieb Barney: „Faschismus (gemeint ist der italienische) und Nazismus versuchten, während sie die Strukturen (Europas) modernisierten und die Wohlfahrt seiner Bevölkerung vergrößerten, seine traditionellen und lokalen Farben zu schützen – und ob ihre gemeinsamen Bemühungen tatsächlich erfolgreich sein werden oder nicht – werden sie zu ihrer (des Faschismus und Nazismus. U.J.) immerwährenden Ehre dienen.“ (Benstock, S. 415, Übers. U.J.)


Den Hauptgrund für Barneys pro-faschistische Sympathien auch noch nach 1945 sieht Benstock in Nathalie Barneys extremer Angst vor dem europäischen Kommunismus. Einige fangen an es zu bedauern, (gemeint ist die Befreiung vom Faschismus), da nichts anderes uns wahrscheinlich vor dem Bolschewismus schützen wird.“ (Benstock, S. 146, Übers. U.J.).


So viel (oder wenig?) zu Nathalie Barney.


2. Radclyffe Hall


Radclyffe Hall wurde 1880 in Bournemouth, England geboren und starb 1943 in London. Sie war bereits eine anerkannte Schriftstellerin, bevor sie 1928 ihr bekanntestes Buch „Quell der Einsamkeit“ veröffentlichte. Radclyffe Hall führte ein konsequent offen lesbisches Leben; auch was Äußerlichkeiten betraf, vollzog sie einen für ihre Zeit sehr ungewöhnlichen Bruch mit der heterosexuellen Frauenrolle. Sie besaß den Mut, im „Quell der Einsamkeit“ ein offenes Plädoyer für die lesbische Liebe zu halten und auch den ausgelösten Zensurprozess um den „Quell“ konfrontativ anzugehen. Häufig „angekreidet“ wird Radclyffe Hall von Lesben heute das im „Quell der Einsamkeit“ entworfene negative, ans Mitgefühl der heterosexuellen Mehrheit appellierende Lesbenbild. Meiner Meinung nach hat Hall hier eher in taktischer Weise eine Anpassung an die zeitgenössischen Sexualtheorien vollzogen, um möglichst viel Aufmerksamkeit für ihr Anliegen zu erreichen. In ihrem eigenen Leben ist wenig von der leidend-verzichtenden Haltung der Stephen im „Quell“ zu finden. Heterobezogen waren allerdings Radclyffe Halls Vorstellungen einer lesbischen Ehe. Diese werden übrigens köstlich karikiert in Djuna Barnes „Ladies Almanach“ (Barnes, 1991).


Als echte Oberschicht-Britin war Radclyffe Hall klassenbewusst und konservativ; auch sie hatte antisemitische Einstellungen und große Sympathien für den italienischen Faschismus. Grundlegend für diese Sympathien war wohl die faschistische Grundidee der autoritären Staatsführung durch eine gesellschaftliche Elite, personifiziert im „Duce“ Mussolini; für den kleinbürgerlichen deutschen Nationalsozialismus zeigte Radclyffe Hall dagegen Verachtung, teilte aber dessen Antisemitismus. Halls Biograph Michael Baker zitiert aus einem Brief, den Hall 1939 schrieb: „Juden. Ja, ich fange an, wirklich Angst vor ihnen zu haben; nicht vor den ein oder zwei wirklichen teuren jüdischen Freunden, die ich in England habe, nein, aber vor Juden insgesamt. Ich glaube, dass sie uns hassen und uns zunächst einen europäischen Krieg und dann eine Weltrevolution herbeischaffen wollen, um uns völlig zu zerstören.“ (Baker 1985, S. 329, Übers. U.J.)


Auch in England gehörte spätestens seit der Entstehung rassistischer und eugenischer Theorien im Zusammenhang mit dem britischen Imperialismus auch der Antisemitismus zum Denken der herrschenden Schichten; Radclyffe Hall erweist sich hier als typische Vertreterin, nicht als Ausnahme.


3. Käthe Schirmacher


Käthe Schirmacher wurde 1865 in Danzig geboren und starb 1930 in Meran. 1904 begründete sie den Verein für Frauenstimmrecht mit und schrieb u.a. ein Buch über die englischen Suffragetten (Schirmacher, 1976). Bis zum 1. Weltkrieg gehörte sie dem radikalen Flügel der deutschen bürgerlichen Frauenbewegung an. Ilse Kokula schreibt: „Käthe Schirmacher und ihre Freundin Klara Schleker galten als das einzige Lesbenpaar in der ersten deutschen Frauenbewegung“ (Kokula 1981, S. 31). 1911, anlässlich der geplanten Erweiterung des § 175 auf lesbische Frauen bezog Käthe Schirmacher öffentlich dagegen Stellung. Im 1. Weltkrieg vollzog sie eine starke Wendung hin zu deutsch-nationaler Gesinnung – diese Entwicklung teilte sie mit vielen Frauen des gemäßigten Flügels der bürgerlichen Frauenbewegung, während die des radikalen, wie Anita Augspurg und Lida Gustava Heymann, eher eine pazifistische Einstellung vertraten. In den zwanziger Jahren war Käthe Schirmacher Abgeordnete der Deutsch-Nationalen-Partei. Zitat: „Bis zum ersten Weltkrieg kämpfte ich für die Freiheit der Frau, seit dem Weltkrieg für die Freiheit Deutschlands. Beides sind eins“ (zitiert nach Wittrock 1985, S. 174). Claudia Koonz schreibt in ihrem Buch „Mothers in the Fatherland“ (Koonz 1987, S. 81), dass Käthe Schirmacher auch Mitglied der „Neuland-Bewegung“ war. Diese Organisation war das Lebenswerk der zunächst Deutsch-nationalen, dann Nationalsozialistin Guida Diehl; diese bezeichnete „Neuland“ 1932 als „weibliche Parallelbewegung zum Nationalsozialismus“. Kennzeichen dieser Bewegung sind ihr extremer Antifeminismus, Antisemitismus und der Kampf gegen jede „undeutsche Entartung“.



4. Charlotte Wolff


Charlotte Wolff wurde 1887 in Riesenburg, damals Deutschland, heute Polen geboren. Bereits 1933 emigrierte sie, als Jüdin und Linke von den Nationalsozialisten verfolgt, aus Deutschland, lebte bis 1936 in Paris und von da an bis zu ihrem Tod 1986 in London. Vor 1933 arbeitete sie in Berlin als Ärztin (dazu näher s.u.), im Exil vor allem als Psychologin und Schriftstellerin. Ihr offensives Umgehen mit dem eigenen und dem Lesbischsein im Allgemeinen zeigt sich in ihren Büchern „Augenblicke verändern uns mehr als die Zeit“ (eine Autobiographie, 1982), in dem Roman „Flickwerk“ (dt. 1977) und den theoretischen Werken „Psychologie der lesbischen Liebe“ (dt. 1973) und „Bisexualität“ (dt. 1981).


Charlotte Wolff ist diejenige unter den von mir ausgesuchten Lesben, bei der mir meine Widersprüche zu ihr das stärkste Unbehagen bereiten. Es fällt mir sehr schwer, einer Jüdin, die von den Nazis verfolgt emigrieren musste und die zudem eine offen lebende Lesbe und linke, progressive Frau war, rassistisches Denken vorzuwerfen. Anders aber kann ich die Vorstellungen, die sie in ihrer psychologischen Deutung der Hand, die den Schwerpunkt ihrer psychologischen Arbeit im Exil darstellt, nicht benennen.


Bevor ich diese Behauptung belege, noch folgende, mir sehr wichtige Bemerkung: Charlotte Wolff arbeitete vor ihrer Emigration als Ärztin in einem linken, progressiven Zusammenhang, nämlich dem der Sexualreform und Sozialmedizin der Weimarer Republik. Wir wissen, dass sowohl Sexualreform wie auch Sozialmedizin, trotz politisch linker Ausrichtung, starke eugenische und damit rassistische Züge tragen. Die Vorstellungen von Selbstbestimmung (der Frau) gingen dabei immer einher mit der Selbstverantwortung bzw. Selbstverpflichtung zur „gesunden“, vernünftigen Ehe und Mutterschaft und der Verhinderung eugenisch unerwünschter Fortpflanzung. Den Zusammenhang bzw. die Entwicklung von der Eugenik zur Rassenhygiene und Vernichtungspolitik des Nationalsozialismus kennen wir heute und entwickeln trotzdem nur sehr zögernd eine eindeutig ablehnende Position gegenüber jedem eugenischen Denken und Handeln, wie die Auseinandersetzungen um die eugenische Indikation, um vorgeburtliche Diagnostik und die Reproduktions- und Gentechnologien unter Feministinnen, auch feministischen Lesben, zeigen. Es käme mir daher arrogant und unangemessen vor, Charlotte Wolff ihr damaliges berufliches Engagement vorzuwerfen. Bedauerlich ist aber, dass sie in ihrer 1986 erschienenen Biographie über Magnus Hirschfeld nach wie vor der Eugenik als positiver Förderung erwünschter Geburten die negative Rassenhygiene der Nazis gegenüberstellt, ohne die beiden zugrunde liegenden Wertmaßstäbe von ‚wertvollen’ und ‚wertlosen’ Leben zu benennen und anzugreifen.


Wesentlich problematischer als diese fehlende Auseinandersetzung ist für mich die psychologische Handdeutung, an der Charlotte Wolff noch lange nach 1945 gearbeitet hat. Ihr 1942 in England, 1970 erstmals in Deutschland erschienenes Buch „Die Hand als Spiegel der Seele“, das 1988 noch vom Rowohlt-Verlag als „Standardwerk der Handdeutung“ in aller Welt angepriesen wird, enthält ein meiner Ansicht nach zutiefst biologisches und rassistisches Menschenbild. „Anomalität“, angeborene „Primitivität“ und „Degeneration“ sind immer wieder auftauchende Begriffe. Ein Zitat: „Der deutsche Anthropologe Rudolf Martin machte die Beobachtung, daß Daumen und Zeigefinger eines neugeborenen Negerkindes beträchtlich kürzer sind als die eines noch nicht geborenen europäischen Kindes. Ebenso stellte er fest, daß erwachsene Neger schmälere Daumen haben als Weiße. Nachdem die Bewußtseinskraft bei den Europäern stärker entwickelt ist als bei den Negern, stimmt die anatomische Unterscheidung mit der Bedeutung des Daumens überein.“ (Wolff 1988, S. 33)


In ihrer 1980 in England erschienenen Autobiographie „Hindsight“ (dt. Ausgabe 1982 unter dem Titel „Augenblicke verändern uns mehr als die Zeit“) finden sich keinerlei Hinweise, dass Charlotte Wolff sich später noch selbstkritisch mit ihren eigenen „wissenschaftlichen Erkenntnissen“ auseinandergesetzt hat.


Soweit zu meinen beispielhaften „Zwiespältigen Ahninnen“.


Als frauenliebende und auf Frauen bezogen lebende Frauen hat jede von ihnen die ihr zugedachte und vorbestimmte hetero-patriarchale Frauenrolle gesprengt und in verschiedene Richtungen hin überschritten. Es waren Frauen, von denen keine eine Tochter war, wie der Vater (und meist auch wohl die Mutter) sie sich wünschte. Besonders in den Lebensgeschichten von Nathalie Barney und Radclyffe Hall spielen die zähen, schwierigen Kämpfe mit Vater bzw. Eltern eine erhebliche Rolle. (s. auch Fadermann 1990) Und dennoch spiegelt ihr Denken und Verhalten in vieler Hinsicht ihre Herkunft: Familie, Schicht, Klasse. Konkret sind es konservative bis reaktionäre Werte und Einstellungen, die ich nicht abspalten kann von (m)einem Positivbild historischer Lesben, und die mich herausfordern, Stellung zu beziehen über die individuellen „Fälle“ hinaus.


Mir ist bewusst, dass ich mich dem Vorwurf aussetze, plakativ und verkürzend zu sein, viel zu wenig Informationen und Hintergrundwissen zu liefern, um ein wirklich faires Bild zu zeichnen, und darüber hinaus meine heutigen lesbisch-feministischen Interpretationsmuster auf Lesben anzuwenden, die sich dagegen nicht (mehr) wehren können. Ich verweise daher für eine gründlichere Betrachtung und Überprüfung der Behauptungen auf die angegebene Literatur.


Bereits anfänglich habe ich gesagt, dass ich in meiner Beschäftigung mit lesbischer Herstory recht lange Zeit die „Negativseiten“ der „lesbischen Ahninnen“, wenn überhaupt, dann nur sehr undeutlich wahrgenommen habe, und stattdessen in dem, was ich aufgenommen und weitervermittelt habe, die Anteile lesbischer Identität, lesbischen Widerstehens und heterosexistischer Unterdrückung in den Vordergrund gerückt habe. Ich denke, dass diese Herangehensweise legitim und wichtig war. Das Wissen darüber, wie Lesben / frauenliebende Frauen vor unserer lesbisch-feministisch bewegten Zeit gelebt haben, darüber, was Lesbischsein bedeutet und wie es gelebt wurde, gegen Zwangsheterosexualität und heterosexistische Unterdrückung, sehe ich als ganz wichtige Quelle unserer lesbischen Identität und unseres lesbischen Selbstbewusstseins in einer heteropatriarchalen Welt; ich denke, dass wir von diesem Wissen nach wie vor viel zu wenig besitzen. Ich denke aber auch, dass es an der Zeit ist – und dies hat mir auch mein ‚Nicht-mehr-überlesen-können’, ‚Nicht-mehr-ausblenden-können’ mir missliebiger lesbischer Lebensgeschichten gezeigt – lesbische Herstory in all ihren Dimensionen wahrzunehmen. Dies bedeutet, um es einmal in modisch-feministischen Begriffen zu fassen, Lesben als Opfer / Widerstehende und Täterinnen / MitTäterinnen zu begreifen, und dann weiterzudenken, ob und wie dies unser lesbisch-feministisches Denken und Handeln verändert.


Ich möchte hier einen Begriff einbringen, den Lerke Grafenhorst auf dem 1990 stattgefundenen Symposium „Beteiligung und Widerstand. Thematisierung des Nationalsozialismus in der neueren Frauenforschung“ benutzt hat. Sie sagt, dass wir (und meint damit deutsche Feministinnen, ich denke, dies gilt auch für feministische Lesben) auch unser negatives Eigentum in Anspruch nehmen müssen. Grafenhorst übernimmt diesen Ausdruck von Jean Améry, der ihn als jüdischer Überlebender der nationalsozialistischen Konzentrationslager auf den von deutschen Männern und Frauen zu fordernden Umgang mit der Geschichte des Nationalsozialismus bezieht (Grafenhorst 1990, Améry 1977). Unter positivem (Geschichts-)Eigentum verstehe ich die Teile der Geschichte/n frauenliebender Frauen, die ich mir gerne aneigne, zum Eigentum, das heißt zu meiner Geschichte mache. Es sind die Anteile, mit denen eine Identifikation mir leicht fällt, entweder, weil ich sie als mir gleich/ähnlich an- oder erkenne (Identifikation im 1. Sinne) oder weil es Anteile sind, die der Geschichte lesbischer Frauen „Ehre machen“ oder Glanzlichter aufsetzen (Identifikation im 2. Sinne).


Wenn ich Nathalie Barney als Beispiel nehme, sind ihr lesbisches Leben und ihr feministisches Denken und Handeln für mich positives Eigentum, mit dem ich mich gerne identifiziere. Schwieriger umzugehen fällt es mir mit ihren materiellen Lebensumständen; einerseits kann ich sie als Voraussetzung für einen erheblichen Teil des aufregenden lesbischen Geschehens im Paris des frühen 20. Jahrhunderts anerkennen und somit als „positiv“ besetzen. Andererseits kann ich den großen Klassenunterschied in den Vordergrund rücken und damit den Interessensgegensatz betonen, der eine Identifikation erschwert, für viele Lesben sogar unmöglich macht. Barneys antisemitisches und faschistisches Denken führt für mich zu keinen Ambivalenzen mehr; ich verurteile es. Mein Unwillen, mich mit diesen Anteilen in Barneys Leben zu identifizieren, macht es mir möglich, sie als negative Anteile zu identifizieren (im Sinne von erkennen, ermitteln), die ich nicht als mein/unser Lesben-Eigentum anerkennen will, die ich versucht bin, abzuspalten von dem Bild, das ich mir von mir selbst, von uns als feministischen Lesben gerne machen würde.


Zwar finde ich es kaum verwunderlich, als Lesbe in einer Welt, die uns und unser Leben entweder gar nicht oder nur als „krank“, „pervers“, „schmutzig“, „abstoßend“ usw. darstellt, ständig auf der Suche nach positiven, ausgleichschaffenden (Vor-) Bildern zu sein. Der Schritt von diesem nur zu verständlichen Wunsch zum Ausblenden unangenehmer Realität ist nicht allzu weit. Identifikation, die deswegen bruchlos funktioniert, weil nicht ins Ideal Passendes schlicht „unter dem Tisch verschwindet“, ist eine Möglichkeit der Nicht-Aneignung von negativem Eigentum. Eine andere besteht darin, jede Identifikation abzulehnen, wenn Negatives erkannt wird. Auf einer Veranstaltung, die ich zu diesem Thema auf der Berliner Lesbenwoche 1990 anbot, formulierte es eine Teilnehmerin so: „Nathalie Barney war doch offensichtlich eine Faschistin; was interessiert mich da noch, ob/dass sie Lesbe war?“ Wenn aber „die nicht zu uns gehört – keine von uns war“ oder wenn es „uns“ hier vielleicht gar nicht gibt, dann existiert auch kein Eigentum, positiv oder negativ, was wir uns aneignen müssen.


Weder die Abspaltung negativer Anteile von unserem Lesbenbild, noch die Abspaltung „negativer“ Lesben von einem lesbischen Wir kann ein angemessener Umgang mit Lesbenvergangenheit (und Gegenwart) sein. Wenn wir uns dagegen bemühen, lesbische Herstory als realistische und wirklichkeitstreue Bestandsaufnahme anzugehen, dann schaffen wir uns dringend notwendige Möglichkeiten, aus der Auseinandersetzung mit der Geschichte von Lesben zu lernen für den Umgang mit den Widersprüchen der lesbischen Gegenwart, zu denen ja Rassismus und Antisemitismus nach wie vor gehören.


Ein Beispiel zur Verdeutlichung: Der Mechanismus des „die ich verurteile, mit der habe ich nichts gemein“ wirkt umso erleichternder, je furchtbarer das fragliche Denken/Handeln ist. Je eindeutiger eine Täterin ist, desto größer möchte ich die Distanz zwischen ihr und mir sehen, desto geringer wiegt das gemeinsame Lesbischsein. Das deutlichste Beispiel sind die vielzitierten lesbischen KZ-Wärterinnen. Während die „zwiespältigen Ahninnen“ noch Opfer/Widerstehende und Täterin/MitTäterin genannt werden können, gelten die KZ-Wärterinnen als Prototyp der lesbischen Täterin, mit der sich jede Identifikation von vorn herein ausschließt, da sie allzu leicht nach Ent-Schuldung aussieht oder sehen könnte. Selbstverständlich ist es für die Beurteilung der Taten einer Wärterin im Konzentrationslager und für die Zumessung ihrer Schuld ganz unerheblich, ob sie lesbisch war oder nicht. Gar nicht unerheblich ist dies aber für mein/unser Denken über lesbisch-feministische Identität und unser Eingebundensein in heteropatriarchale und rassistische Unterdrückungsstrukturen. Den Gedanken auszuhalten, dass eine Lesbe überzeugte Faschistin und als solche Unterdrückerin und Mörderin sein kann, fällt mir sehr schwer. Weil es so schwer fällt, suche ich nach Schlupflöchern, melde Zweifel an: Waren diese Faschistinnen denn auch wirklich Lesben oder lebten sie lesbische Phantasien in sadistisch-sexuellen Quälereien aus? (Gegenfrage: Was ist eine wirkliche Lesbe?) Oder: Konnten als Lesben bekannte Frauen überhaupt in diese NS-Machtpositionen gelangen? (Gegenfrage: Warum sollten sie offener gewesen sein als einige Lesben in Machtpositionen heute?) Ausflüchte abgelehnt. Meine Widerstände gegen die Aneignung dieses negativen deutschen Eigentums als lesbischem zeigen mir, dass ich wider schlechteres Wissen immer noch gerne mein (Wunsch)-Denken aufrechterhalten möchte, dass Lesben die besseren Menschen/Frauen seien. Negatives Eigentum mir anzueignen, bedeutet also, zunächst schlicht anzuerkennen, dass Unterdrückte/Widerstehende gleichzeitig Unterdrückerinnen sein können und dann zu fragen, wie das eine mit dem anderen zusammenhängt, wie beides sich gegenseitig bedingt. Ein ganz wichtiges Prinzip ist hier sicher das des „Teile und Herrsche“: Die Bereitschaft, die eigene Unterdrückung durch Unterdrückung anderer „auszugleichen“ und damit die Spaltung der Unterdrückten untereinander aufrecht zu erhalten. Privilegien (Geld, Hautfarbe, Religion, Ausbildung, Staatsangehörigkeit, körperliche Stärke usw.) können Frauen, die als Lesben Unterdrückung erfahren haben, zu Unterdrückerinnen anderer machen.


Die Zusammenhänge zwischen den Unterdrückungsstrukturen des Heterosexismus, des Rassismus, Antisemitismus usw. sind uns heute erst in Ansätzen klar. Das Bewusstsein unserer Verstricktheit in diese Strukturen (in Handeln) umzusetzen fällt uns umso schwerer, je mehr es eine Aufgabe von Privilegien voraussetzt. Auch zu der Zeit, in der die von mir genannten historischen Lesben gelebt haben, gab es Frauen, die als bürgerlich-radikale Feministinnen aus ihrer Analyse von Frauenunterdrückung eine Analyse von Imperialismus und Militarismus entwickelten und den Kampf gegen diese Unterdrückungsstrukturen in einen Zusammenhang stellten. Zu diesen Feministinnen gehörten z.B. Anita Augspurg und Lida Gustava Heymann, die zusammen gelebt und gearbeitet haben und deren Beziehung zueinander ich als lesbische wahrnehme (vgl. hierzu Heymann und Augspurg 1972). Frauenliebende Frauen also, die sich allerdings, soweit mir bekannt ist, nicht selbst so benannten und die Frauenliebe nicht zu ihrem Thema machten.5


Wichtig am Beispiel Anita Augspurg / Lida Gustava Heymann ist mir hier ihre klare Entscheidung gegen Antisemitismus, Imperialismus und Militarismus – dafür gingen sie 1933 ins Exil (Anita Augspurg war 75, Lida Gustava Heymann 65 Jahre alt) und mussten die Konfiskation und Zerstörung ihres gesamten Eigentums hinnehmen.


Käthe Schirmacher, die lange mit Heymann und Augspurg zusammengearbeitet hatte, entschied sich wohl ebenso bewusst für einen ganz anderen Weg. Beide Wege (und viele andere mehr) sind Teil der Herstory der Lesben. Lesbisch-feministische Geschichtssuche begreife ich als Bestreben, uns unser positives und unser negatives Eigentum anzueignen und zu verstehen, warum es vom Ersten immer zuwenig und vom Zweiten immer zu viel gegeben hat. So verstanden, hoffe ich, dass Geschichte uns helfen kann, heute Entscheidungen zu treffen – die Entscheidungen der „historischen Lesben“ von morgen.


Ulrike Janz (Bochum 1991)




Literatur:
Améry, Jean: Jenseits von Schuld und Sühne, München 1988
Baker, Michael: Our Three Seves, London 1985
Barnes, Djuna: Ladies Almanach, Frankfurt 1991
Barney, Nathalie Clifford: Meine Geliebte, Bremen 1988
dies.: Souvenirs indiscrets, Paris 1960
dies.: Selected Writing, London 1963
dies.: Pensees d’une Amazone, Paris 1920
(vollständige Bibliographie vgl. Busch 1989)
Benstock, Shari: Women of the Left Bank, London 1987
Busch, Alexandra: Ladies of Fashion, Bielefeld 1989
Chalon, Jean: Portrait einer Verführerin, Reinbek 1980
Faderman, Lillian: Köstlicher als die Liebe der Männer, Zürich 1990
Gidlow, Elsa: Elsa – I Come With My Songs, San Francisco 1986
Grafenhorst, Lerke: Nehmen wir Nationalsozialismus und Auschwitz ausreichend als unser negatives Eigentum in Anspruch? in: Grafenhorst, Lerke und Tatschmurat, Carmen (Hg.): Töchter Fragen – NS-FrauenGeschichte, Freiburg 1990
Hall, Radclyffe: Quell der Einsamkeit, Leipzig 1929
Heymann, Lida Gustava und Augspurg, Anita: Erlebtes – Erschautes, Meisenheim am Glan 1977
Kokula, Ilse: Weibliche Homosexualität um 1900, München 1981
Koonz, Claudia: Mothers in the Fatherland, London 1988
Nestle, Joan: A Restricted Country, London 1988
Raymond, Janice: Frauenfreundschaft, München 1986
Schirmacher, Käthe: Die Suffragettes, Berlin 1976
dies.: § 175 des deutschen Strafgesetzes, in: Kokula, Ilse: Weibliche Homosexualität um 1900, München 1981Wittrock, Christine: Weiblichkeitsmythen, Frankfurt 1983
Wolff, Charlotte: Die Psychologie der lesbischen Liebe, Reinbek 1973
dies.: Flickwerk, München 1977
dies.: Augenblicke verändern uns mehr als die Zeit, Weinheim 1982
dies.: Bisexualität, Frankfurt 1981
dies.: Die Hand als Spiegel der Seele, Reinbek 1988
dies.: Magnus Hirschfeld. A Portrait of a Pioneer in Sexology, London 1986





1 Diesem Artikel ein Zitat von Joan Nestle voranzustellen, finde ich in einem doppelten Sinne stimmig. Zum einen ist Joan Nestle Mitbegründerin des Lesbischen Archivs in New York und hätte ohne Zweifel sehr viel zu Thema meines Artikels zu sagen. Zum anderen ist meine Einstellung zu ihr selbst äußerst widersprüchlich und fordert mich, ähnlich wie die zu meinen „zwiespältigen Ahninnen“, zu viel Nachdenken heraus: Joan Nestle ist Jüdin, war in den 60er Jahren sehr aktive Unterstützerin der Schwarzen Befreiungsbewegung, lesbisch-feministische Aktivistin und Produzentin und Befürworterin lesbischer Pornographie, vehemente Verteidigerin von SM-Lesben und lesbischen Rollen; letzteres aus ihren Erfahrungen als „Femme“ in den 50ern. Eine Auseinandersetzung mit ihren Positionen finde ich sehr spannend, gerade da, wo ich nicht mit ihr übereinstimme. Vgl. auch Literatur.


2 Ich benutze die Formulierungen lesbisch und frauenliebend parallel, da ich es unangemessen finde, den Ende des 19. Jahrhunderts im Zusammenhang der Sexualwissenschaften entstandenen und definierten Begriff Lesbe bzw. Lesbierin Frauen zuzuordnen, die vor dieser Zeit lebten und eine eigene Selbstdefinition hatten, die ich als „frauenliebend“ umschreibe.


3 Eine mir bekannte Ausnahme ist die Autobiographie der us-amerikanischen Schriftstellerin Elsa Gidlow (Gidlow 1986), die 1899 geboren ist, Tochter proletarischer Eltern war und bis ins Alter arm blieb; mäßigen Wohlstand erreichte sie mit 78 Jahren!


4 Dies wurde mir erst klar in der Auseinandersetzung mit meinen IHRSINNs-Mitlesben; insbesondere danke ich Gitta für ihren Hinweis auf die „spielerische“ Form der Identifikation.


5 Anita Augspurg wurde 1857 geboren, Lida Gustava Heymann 1868. Sie gehörten noch eher zu der Generation frauenliebender/frauenbewegter Frauen des 19. Jahrhunderts, für die das pathologisierende Etikett „Lesbierin“ noch nicht prägend war. Vgl. auch Anm. 2 und Faderman 1991.




Zitiervorschlag:
Janz, Ulrike: (K)eine von uns? Vom schwierigen Umgang mit ‚zwiespältigen Ahninnen’. Bochum 1991 [online] Availiable from: Online-Projekt Lesbengeschichte. Boxhammer, Ingeborg/Leidinger, Christiane. URL: <http://www.lesbengeschichte.de/ns_essays_d.html> [cited date].
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Janz, Ulrike: (K)eine von uns? Vom schwierigen Umgang mit ‚zwiespältigen Ahninnen’. In: IHRSINN. eine radikalfeministische Lesbenzeitschrift 3/1991, 24-39.



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Reflexionen zum „negativen lesbischen Eigentum“ (1994)


„Die Wahrnehmung von Lesben/lesbischem Verhalten in nationalsozialistischen Konzentrationslagern – Zeugnisse überlebender Frauen.“


Unter diesem Thema habe ich in den letzten zweieinhalb Jahren Veranstaltungen durchgeführt.1 Im Vordergrund stand dabei die Dokumentation zahlreicher Berichte von überlebenden Frauen, die über „Lesbierinnen“, „lesbisches Verhalten“, sexuelle und nicht-sexuelle Beziehungen unter Frauen in den Lagern schreiben. Oft sind diese Zeugnisse nur wenige Sätze, manchmal eine Seite, ganz selten ein Kapitel in einem längeren Text oder ganzen Buch über die persönlichen Erfahrungen der Autorin im Konzentrationslager. Mein Hintergrund für das Sammeln dieser Zeugnisse war und ist die Auseinandersetzung mit Lesben und dem Handeln von Lesben als gesellschaftliche Opfer einerseits und als Täterinnen andererseits. Erklärtermaßen ging es mir darum, auch das „negative Eigentum“2 in der lesbischen Geschichte wahrzunehmen und ebenso zur Grundlage meines lesbisch-feministischen Denkens und Handelns zu machen wie die Geschichte von Lesben als Opfer/Widerständige im Heteropatriarchat. Welche Erkenntnisse liefern mir nun die gesammelten Zeugnisse für dieses Anliegen?




Lesben? Lesbisch?


Die Auseinandersetzung mit Frauen als Opfer und Täterinnen im Nationalsozialismus hat den Vorteil, sehr leicht entscheiden zu können, wer Frau ist. Welche der beteiligten Frauen dagegen Lesben waren, ist eine schwierige und letztlich oft unbeantwortbare Frage. Zeugnisse überlebender Frauen, die sich selbst als lesbisch bezeichneten oder in deren Leben nach eigener Aussage die Liebe und Beziehung zu einer Frau oder Frauen zentral waren, konnte ich bisher nicht finden3. Vermutlich hätte eine frauenliebende Frau sich damals nicht als Lesbe bezeichnet, möglicherweise als Lesbierin, vielleicht ganz anders oder gar nicht, da alle Begriffe, die auf Liebe zwischen Frauen deuteten, negativ besetzt waren (vgl. hierzu Schoppmann 1993, Vorwort). Ich habe mich dazu entschieden, sexuelles Verhalten zwischen Frauen grundsätzlich als lesbisch zu benennen, daraus aber nur sehr vorsichtige Schlüsse über die Identität der beteiligten Frauen zu ziehen. Da die Nationalsozialisten lesbische Frauen im Gegensatz zu den schwulen Männern nicht mit einer eigenen Kategorie (Winkel) belegten, wissen wir heute nur äußerst wenig darüber, wie viele Frauen auf Grund ihres tatsächlichen oder vermuteten Lesbischseins in die Konzentrationslager verschleppt wurden. Anzunehmen ist, dass „Lesbischsein“ als Haftgrund häufig den schwarzen Winkel der „Asozialen“ zur Folge hatte (vgl. auch hierzu Schoppmann 1991 u. 1993). Ich gehe davon aus, dass sich ebenfalls eine große Zahl lesbischer Frauen in allen Gefangengruppen befand.




Die Berichte: Lesben


In den Zeugnissen werden nur wenige Frauen direkt als „Lesbierinnen“ benannt: Claire und Cilly, das von Anja Lundholm geschilderte Lesbenpaar aus Berlin (Lundholm 1988, S. 12-13 und 41-45); drei skandinavische „Lesbierinnen“, die Luce d’Eramo als zärtlich und fürsorglich zueinander beschreibt. Die genannten Autorinnen schreiben nicht über sexuelles Geschehen zwischen diesen Frauen und bezeichnen sie deshalb als lesbisch, sondern sie wissen anscheinend um deren Identität. Hier bereitet es mir kaum Schwierigkeiten, die Zuschreibungen zu akzeptieren.




Lesbisches Verhalten


Von anderen Autorinnen werden eine Vielzahl sexueller Handlungen zwischen Frauen beschrieben, die teils als von allen Beteiligten erwünscht und freiwillig, teils als von einer Seite durch Nötigung, Gewalt und Todesdrohung erzwungen, beurteilt werden.



Stigma Lesbe/lesbisch


Einverständliches lesbisches Verhalten entwickelt sich nach Einschätzung der Autorinnen in der Mehrzahl situationsbedingt: Lagerhomosexualität aus Männermangel, „moralischer Verderbtheit“ oder durch Verführung der als selten angenommenen „echten Lesbierinnen“. Die Bedeutung von Freundschaft, Verbundenheit, Zärtlichkeit, Solidarität, auch Liebe wird unter den Frauen der eigenen Gruppe häufig betont und „festen“ Freundinnen im Besonderen zugesprochen. Sexualität dagegen wird in der Regel nur bei Frauen aus anderen Gruppen (schwarze Winkel = „Asoziale“ und grüne Winkel = „Kriminelle“4) wahrgenommen und häufig verurteilt. Die mir vorliegenden Berichte stammen nahezu ausschließlich von Frauen, die entweder als Jüdinnen oder als „Politische“ in die Konzentrationslager verschleppt wurden. Ihr Blick auf die „Asozialen“ und „Kriminellen“ Frauen ist einerseits geprägt von sozialer, heterosexistischer Stigmatisierung. Jene Frauen werden immer wieder als korrupt, gewalttätig, unzuverlässig und moralisch verderbt beschrieben. Als Teil dieser „Unmoral“ werden ihre „lasterhaften“ lesbischen Neigungen wahrgenommen. Andererseits sind sie in der Regel deutsche, „arische“ Frauen, deren oft beschriebener extremer Antisemitismus kaum eine wohlwollendere Wahrnehmung möglich macht. Hinzu kommt, dass im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück, über das die meisten Zeugnisse berichten, von der SS in den ersten Jahren nahezu ausschließlich Gefangene mit grünen Winkeln als privilegierte Funktionshäftlinge eingesetzt wurden (Sehr informativ hierzu Bernhard Strebel 1994).


Ich kenne keine Berichte von Überlebenden, die schwarze oder grüne Winkel getragen haben und über ihre Erfahrungen und Wahrnehmungen Zeugnis geben. Die Perspektive dieser Frauen auf Beziehungen von Frauen untereinander (in der eigenen Gruppe und in den anderen) fehlt also völlig. Es ist nicht möglich, zu sagen, welche dieser so bezeichneten Frauen sich tatsächlich als Lesben (oder Lesbierinnen) sahen, und andersherum, wie viele Lesben aus allen Gruppen in den Lagern dieser Wahrnehmung entgingen, weil sie „unauffällig“ blieben. Als Lesbe bekannt zu sein, oder als eine, die lesbische Verhältnisse hatte, bedeutet(e) eine zusätzliche Quelle von Unterdrückung sowohl von Seiten der SS wie auch anderer Gefangener (hierauf gehen u.a. Anja Lundholm und Margarete Buber-Neumann ein). Dies ist sicher ein Grund, warum offenes sexuelles Verhalten in der Regel nur bei im Lager relativ privilegierten Frauen (wie deutschen, nicht-jüdischen „Asozialen“ oder „Kriminellen“) zu beobachten war. Es ist auch ein Grund dafür, dass uns keine Zeugnisse von sich selbst als Lesben, Lesbierinnen, frauenliebende Frauen o.ä. benennenden Gefangenen vorliegen.




Freundschaft versus „lesbische Liebe“


Vor allem die „politischen“ Frauen (roter Winkel) betonen immer wieder die Bedeutung ihrer engen, festen, aber nicht-sexuellen Freundschaftsbeziehungen im Gegensatz zu den lesbisch-sexuellen der „Asozialen“. So etwa Margarete Buber-Neumann, die in sehr ausführlicher Weise über ihre Freundschaft und Liebe zu Milena Jesenska berichtet (Buber-Neumann 1986). Über Sexualität redet sie nicht, allerdings ist aus ihrer starren Einteilung in „Freundschaft“ bei den „politischen“ Frauen und „sexuelle Verhältnisse“ bei den „Asozialen“ die Einordnung ihrer Beziehung zu Milena herauszulesen. Ich gehe davon aus, dass diese strikte Unterscheidung stärker von der Angst vor sozialer Stigmatisierung, oft auch politischer Unkorrektheit, getragen wurde als von den tatsächlichen Unterschieden zwischen den Beziehungen „politischer“ Frauen einerseits und „asozialer“ Frauen andererseits. Georgia Tanewa, eine bulgarische politische Gefangene in Ravensbrück, schreibt in diesem Zusammenhang vom „Puritanismus der damaligen Linken“, die „das Homosexuelle als ein strikt privates Problem sah“. (Tanewa in Schoppmann 1991, S. 239-240). Eine absolute Ausnahme ist Margarete Glas-Larsson, die ihre Beziehung zu der Lagerältesten in Auschwitz-Birkenau, Orli Reichert, auch als sexuell schildert. Margarete Glas-Larsson sieht ihre eigene Bereitschaft zur lesbischen Liebe und Sexualität (die sie selbst nicht als lesbisch benennt) als situationsbedingt an, bewertet sie aber unbedingt als positiv. Ihre Verlassenheit im Lager, vor allem aber die überlebensnotwendige Zuneigung und Fürsorge einer anderen und zu einer anderen benennt sie als Gründe: „Und ich hab gedacht, dass mich eigentlich die Liebe zu Orli sehr stark am Leben erhalten hat“ (Glas-Larsson 1981, S.149).




Zwangsprostitution und sexuelle Nötigung


Ein weiterer Teil des lesbischen Verhaltens oder der lesbischen Beziehungen, die von überlebenden Frauen geschildert werden, beschreibt verschiedene Formen sexueller Gewalt. Hierzu gehören all die Situationen, in denen eine Frau, die mehr Macht oder Ressourcen besitzt, diese benutzt, um sich sexuelle Leistungen zu erkaufen. Dabei kann es sich um eine Art Zwangsprostitution handeln, die der sich Prostituierenden ein wenig mehr zu essen oder mehr Bekleidung verschafft. Diese Konstellationen entstanden durch die Machtunterschiede unter den Gefangenen, die von der SS vor allem über das System der Funktionshäftlinge installiert wurden. Hier kann „Machtunterschied“ tatsächlich Macht über Leben und Tod anderer Frauen bedeuten – und diese Macht kann auch Sexualität erzwingen. Aber auch bereits eine „gute“ Arbeit, etwa im Küchenbereich, bedeutet mehr Macht, da mehr Nahrung, die sich andere erkaufen können – auch durch sexuelle Dienste. Die überlebenden Frauen bezeichnen Funktionshäftlinge, deren sexuellen Machtgebrauch sie in dieser Weise schildern, meist als homosexuell oder als Lesbierin – ihre Opfer verständlicherweise nicht.




SS-Täterinnen


Im Gegensatz zu den Funktionshäftlingen, die erst eine Entscheidung des Gebrauchs ihrer Macht gegen Mitgefangene zur Täterin macht, würde ich jede SS-Frau unabhängig von ihrem individuellen Handeln als Täterin bezeichnen. Ihre Entscheidung, als Aufseherin in dem Herrschaftsapparat Konzentrationslager zu arbeiten, macht sie zur Täterin – entgegen häufig gehörten Einschätzungen konnten bereits angeworbene Aufseherinnen sich gegen diese Arbeit entscheiden, und einige taten dies wohl auch. Überlebende Frauen berichten von ganz brutalen und weniger brutalen SS-Frauen – Täterin bleibt eine jede von Ihnen. Funktionshäftlinge dagegen werden meist als Mithäftlinge in machtvollen, aber auch schwierigen Positionen angesehen, deren individuelles Verhalten beurteilt wird. Ab und zu ist von einer die Rede, deren Gebrauch ihrer Macht sie quasi auf die Seite der SS-TäterInnen versetzt hat. Die Machtstrukturen schaffen die Vorraussetzungen für Gewalt, sie verursachen sie aber nie zwangsläufig.


Sexuell motivierter oder sexualisierter Machtgebrauch ist ein Ausdruck der absoluten Macht der SS, hier der SS-Frauen. Von einigen wird berichtet – immer wieder genannt wird hier Irma Greese5 – dass sie sich „sexuelle Sklavinnen“ hielten und aus ihren sadistischen Quälereien offensichtlich sexuellen Lustgewinn zogen. Olga Lengyel, Überlebende von Auschwitz, bezeichnet Irma Greese als bisexuell (Lengyel 1972 S. 193). In den von mir gelesenen Zeugnissen wurde keine Aufseherin als Lesbe/Lesbierin benannt.


Als Lesbe heute muss ich entscheiden: Sind diese SS-Frauen für mich lesbische Täterinnen, deren Untaten ich mir als negatives Eigentum aneignen muss, um eine angemessene Auseinandersetzung mit lesbischer Geschichte beginnen zu können? Ich denke, es gab unter den SS-Frauen, die sexuelle Gewalt ausübten und/oder ihr Gewaltverhalten sexualisierten, Lesben. SS-Frauen also, die sich in ihrem sonstigen Leben emotional und sexuell auf Frauen bezogen. Diese nutzten ihre Macht, um ein sexuelles Interesse an Frauen mit Gewalt durchzusetzen. Im Fall der heterosexuellen SS-Täterin würde ich von einem Unterdrückungsinteresse sprechen, in dem die Erniedrigung einer anderen Frau sexualisiert wird. Die Übergänge sind vermutlich fließend, und die genauen Motive jeder einzelnen Täterin ändern nichts am Gewaltcharakter ihres Handelns. Meines Erachtens muss ich nicht wissen, welche der Täterinnen Lesbe war, um mir die sexuelle/sexualisierte Gewalt, die sie als Frauen anderen Frauen antaten, als „lesbisches negatives Eigentum“ anzueignen.


Ich möchte nicht den Fehler begehen, nur dort nach lesbischen Täterinnen zu suchen, wo sexuelle Gewalt und sadistische Exzesse stattfanden. Es besteht für mich kein Zweifel daran, dass unter den Tausenden von SS-Aufseherinnen Lesben waren. Diese sind durch ihre Arbeit in der SS zur Täterin geworden, ganz unabhängig davon, ob sich überlebende Frauen an sie als sexuell motivierte Gewalttäterinnen erinnern.


Auch lesbische SS-Frauen hatten Gründe, ihr Lesbischsein nicht öffentlich werden zu lassen. Es gibt Hinweise darauf, dass Frauen in den verschiedenen NS-Organisationen für lesbisches Verhalten bestraft wurden. Die Nichtbestrafung sexueller Gewalt von Frauen an Frauen dagegen entspricht völlig der NS-Logik, in der ja auch die (heterosexuelle) Vergewaltigung von Jüdinnen nicht als „Rassenschande“ sanktioniert wurde.




Macht und Entscheidung


In einem Film über Widerstandskämpferinnen im Nationalsozialismus wird eine der Frauen, die auch in einem Konzentrationslager inhaftiert war, gefragt, welche Bedeutung für sie die Zusammenarbeit mit Frauen im Widerstand hatte. Nachdem sie offensichtlich zunächst mit der Frage wenig anfangen kann, antwortet sie, dass es nicht darauf ankam, ob jemand Mann oder Frau war, sondern darauf, dass er oder sie „auf der richtigen Seite“ stand. Die Tatsache, dass sie sehr viele Frauen als Täterinnen erlebt hatte, auf der „falschen Seite stehend“, machte für sie die Vorstellung einer gemeinsamen (Widerstands-)Arbeit von Frauen unvorstellbar. Ich habe mich oft gefragt, ob dies nicht alle Frauen, die die Konzentrationslager überlebt haben, ebenso sehen müssen.


So wie die TäterInnenschaft von Frauen eine große Herausforderung für den Feminismus allgemein ist, ist lesbische TäterInnenschaft eine Herausforderung für den lesbischen Feminismus, Konzepte und Analysen zu überprüfen und zu verändern. Dies gilt im Übrigen nicht nur für geschichtliche Fragestellungen, sondern auch für die lesbische Gegenwart (Stichworte: Gewalt, Rassismus unter Lesben). Ich denke, dass die von mir vorgestellten Zeugnisse lesbischen Lebens/lesbischen Verhaltens wichtige Hinweise für notwendige lesbisch-feministische Denkbewegungen geben.


Einerseits müssen wir davon ausgehen, dass lesbische Frauen in den Lagern auf allen Ebenen und in jeder vorkommenden Weise unterdrückt wurden und selbst andere unterdrückt haben. Andererseits bezeichnet „lesbisches Verhalten“ dort eine Vielzahl von Handlungen, die von absolut positiv (Zuneigung, Liebe, Fürsorge, Zärtlichkeit, überlebensnotwendig, solidarisch…) bis absolut negativ (Nötigung, Zwang-Prostitution, Gewalt…) zu beurteilen sind. „Es gibt keine ´Gnade der weiblichen Geburt´, und auch Homosexualität prädestiniert nicht zu einem bestimmten sozialen Handeln oder Verhalten“ (Schoppmann 1993, S.29). Diesem Resümee Claudia Schoppmanns kann ich nur zustimmen. Es verweist auf Entscheidungen, die jede einzelne in einer gegebenen politischen, sozialen Situation treffen muss. Frauen, die laut der Zeugnisse der überlebenden Frauen „auf der richtigen Seite standen“ wie Orli Reichert, Lagerälteste im so genannten „Krankenrevier“ in Auschwitz-Birkenau, deren vielfältige Bemühungen, Frauen zu retten, immer wieder lobend genannt werden, haben auf Grund ihrer politischen und persönlichen Überzeugungen, die Entscheidung getroffen, so zu handeln. Ich weiß nicht, ob Orli Reichert, über deren Beziehungen zu Frauen mehrere Überlebende schreiben und die auch als Lesbierin bezeichnet wurde, eine lesbische Identität hatte. Sie hat ihre beträchtliche Machtstellung gegenüber anderen gefangenen Frauen nicht gegen diese benutzt. Somit lädt sie als eine, die „auf der richtigen Seite“ stand und als frauenliebende Frau bekannt war, zur lesbisch-feministischen Identifikation ein. „Identifikation“ nicht im Sinne einer erleichternden Vereinnahmung als „gutes Opfer“, sondern als Auseinandersetzung mit einer, deren Handeln deutlich macht:


Jede kann ihre Erkenntnisse über die eigene unterdrückte Position (als Lesbe, aber auch als Frau, als Jüdin, als Schwarze Frau, als anderweitig politisch Verfolgte) dazu nutzen, die Funktionsweise gesellschaftlicher Macht- und Gewaltverhältnisse zu verstehen und die Entscheidung treffen, gegen sie zu arbeiten, nicht zur TäterIn zu werden, obwohl sie Möglichkeiten dazu hätte. Es wäre der Versuch, wenn immer möglich, „auf der richtigen Seite zu stehen“. Die Entscheidung dazu resultiert dann nicht automatisch aus der eigenen Identität, quasi als „Prädestinierung“, ist aber auch nicht unabhängig von ihr. Dass diese Entscheidung ein kann, aber kein muss ist, zeigen die vielen Situationen, in denen sich Lesben (aktuell wie historisch) nicht gegen, sondern für die Unterdrückung anderer (nicht nur, aber auch anderer Lesben) entscheiden. Hier Möglichkeiten und Dimensionen der Veränderung auszuloten6, stellt sich meines Erachtens als wichtigste Herausforderung aus der Aneignung des „negativen lesbischen Eigentums“.


Ulrike Janz (Bochum 1994)




Literatur:
AMÉRY, Jean: Jenseits von Schuld und Sühne, München 1988
BUBER-NEUMANN, Margarete: Milena, Kafkas Freundin, Frankfurt 1986
BUSCH, Eva: Und trotzdem, München 1991
D’ERAMO, Luce: Der Umweg, Reinbek 1984
GLAS-LARSSON, Margarete: Ich will reden, Wien 1981
GRAFENHORST, Lerke: Nehmen wir Nationalsozialismus und Auschwitz ausreichend als unser negative Eigentum in Anspruch? in: Grafenhorst, Lerke und Tatschmurat, Carmen (Hg.): TöchterFragen-Ns-FrauenGeschichte, Freiburg 1990
JANZ, Ulrike: Die Wahrnehmung von Lesben/lesbischem Verhalten in nationalsozialistischen Konzentrationslagern, in: „Konsequent uneinig“ – Lesbenfrühlingstreffen 1992 in Bremen, Dokumentation, Wiesbaden 1993
JANZ, Ulrike: „Und ich hab’ gedacht, dass mich eigentlich die Liebe zu Orli sehr stark am Leben erhalten hat“ – Lesben/lesbisches Verhalten in nationalsozialistischen Konzentrationslagern – Zeugnisse überlebender Frauen, in: Die Herausforderung annehmen, Dokumentation zur 9. Berliner Lesbenwoche 1993, Berlin 1994
LENGYEL, Olga: Five Chimneys, London 1972
LUNDHOLM, Anja: Das Höllentor, Reinbek 1988
SCHOPPMANN, Claudia: Nationalsozialistische Sexualpolitik und weibliche Homosexualität, Pfaffenweiler 1991
dies.: Zeit der Maskierung – Lebensgeschichten lesbischer Frauen im „Dritten Reich“, Berlin 1993
STREBEL, Bernhard: Die Lagergesellschaft – Aspekte der Häftlingshierarchie und Gruppenbildung in Ravensbrück, in: Füllberg-Stolbe, Claus/Jung, Martina/Riebe, Renate/Scheitenberger, Martina (Hg.): Frauen in Konzentrationslagern – Bergen-Belsen, Ravensbrück, Bremen 1994





1 Die Veranstaltungen finden sich in schriftlicher Form in Janz, 1993 und 1994. Die konkreten Zeugnisse dort nachzulesen stellt sicher eine wichtige Bereicherung meiner Ausführungen dar.


2 Der Begriff des „negativen Eigentums“ stammt ursprünglich von Jean Améry, jüdischer Überlebender mehrerer Konzentrationslager, der ihn auf die deutsche nicht-jüdische Geschichte des Nationalsozialismus bezog (Améry 1988). Von Lerke Grafenhorst wurde der Begriff in die feministische Auseinandersetzung mit Frauen als Opfer und Täterinnen im Nationalsozialismus übertragen (Grafenhorst 1990).


3 Ich habe allerdings ein Zeugnis einer Überlebenden von Ravensbrück, Eva Busch, gefunden, die nach 1945 lesbisch gelebt hat, in ihrem Bericht aber nicht auf Lesben/lesbisches Verhalten eingeht (Busch 1991).


4 Ich setze die Zuordnungen der Gefangenen wie „Asoziale“, „Kriminelle“ und „Politische“ in Anführungsstriche, da sie oft willkürlich und zufällig waren und der gegenseitigen Unterdrückung dienten. Lediglich die Bezeichnung als Jüdin oder jüdische Gefangene belasse ich ohne Anführungszeichen, obwohl auch hier die Nationalsozialisten entschieden, wer Jüdin war. Letztlich waren alle Gefangenen politische Gefangene.


5 Mehrere Quellen über Irma Greese benenne ich in Janz 1993 und 1994.


6 „Die Dimensionen ausloten“ hieß das Motto der 10. Berliner Lesbenwoche 1994 mit dem Schwerpunktthema Rassismus.




Zitiervorschlag:
Janz, Ulrike: Reflexionen zum „negativen lesbischen Eigentum“. Bochum 1994 [online] Availiable from: Online-Projekt Lesbengeschichte. Boxhammer, Ingeborg/Leidinger, Christiane. URL: <http://www.lesbengeschichte.de/ns_essays_d.html> [cited date].
Also available in print version:
Janz, Ulrike: Reflexionen zum „negativen lesbischen Eigentum“. In: IHRSINN. eine radikalfeministische Lesbenzeitschrift 10/1994, S. 70-79.