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Lotte (Charlotte) Hahm (1890 - 1967)


Lotte Hahm in "Die Freundin" 1930, Nr. 42

Lotte Hahm wurde neben Selli Engler und Charlie von Franz Scott eine herausragende Position als Gründerin bescheinigt.1 Auf Fotografien ist sie stets in männlicher Kleidung abgebildet. Ab 1926 war sie Leiterin des Damenklubs „Violetta“ mit 400 Mitgliedern, 1929 leitete sie die „Vereinigung Monbijou“. Im Oktober 1929 wurden „Violetta“ und „Monbijou“ per Mitgliederabstimmung vereinigt.2 Außerdem gründete und führte sie die „Monokel Diele“ und die „Manuela Bar“3. Lotte Hahm war seit 1928 Leiterin der Damengruppe des BfM. 1930 rief Lotte Hahm auf zur Gründung des Bundes für ideale Frauenfreundschaft.4 Lotte Hahm verfasste über Jahre die Klubnachrichten vom „Violetta“. Zuerst in der Frauenliebe und ab Januar 1929, nach dem Anschluss des „Violetta“ an den BfM, in den Ledigen Frauen und in der Freundin.



1929 gründete sie die Transvestitenvereinigung D`Eon, in der männliche und weibliche Transvestiten vertreten waren. Laut Katharina Vogel leitete Lotte Hahm diese Gruppe von 1929–1930.5 Ein erster Aufruf erschien 1929 in der Zeitschrift Ledige Frauen: „Transvestitengruppe: es hat sich ein Privatzirkel von Transvestiten gebildet, welche sich jede Woche in der Wohnung der Klubleiterin treffen. Hieran können sich noch einwandfreie Transvestiten beteiligen.“6 Offensichtlich fand diese Gruppe großen Zuspruch. Denn bereits wenige Wochen später, in der nächsten Ausgabe der Zeitschrift Ledige Frauen, wurde ein neuer Treffpunkt angekündigt: „Die große Nachfrage nach unserem Privatzirkel für Transvestiten hat uns veranlasst, eine größere Wohnung mit Tanzgelegenheit zu mieten, wo wir genauso ungeniert uns bewegen und umziehen können, wie es vordem möglich war.“7 Röllig berichtete dann später, dass diese Gruppe eigene Tanzveranstaltungen im Damenklub „Violetta“ ausrichtete: „Eine Besonderheit dieses Klubs ist die Gruppe der Transvestiten, der Frauen, die mit Vorliebe in Männerkleidern erscheinen. Man veranstaltet hier programmäßig sogenannte ,Transvestiten-Abende‘.“8 Regelmäßige Berichte der Vereinigung gab es in der folgenden Zeit in der Freundin. Daneben finden sich einige Sachtexte zum Thema Transvestitismus9. Literarische Texte veröffentlichte sie wohl nicht.


Ähnlich wie Selli Engler engagierte sich Lotte Hahm mit viel Elan für subkulturelle Orte der Unterhaltung wie auch für die politische Organisation der homosexuellen Frauen.


Geboren wurde Lotte Hahm am 23.05.1890 in Dresden. Irgendwann zwischen 1933 und 1935 wurde Lotte Hahm verhaftet. Anfang 1933 vom Vater ihrer Freundin der Verführung Minderjähriger angeklagt, kam sie ins Gefängnis.10 Anfang 1935 wurde sie in das Frauenkonzentrationslager nach Moringen verlegt. Über den eigentlichen Haftgrund ist nichts bekannt, da die Lagerdokumente verloren sind. Spätestens im März 1938 wurde sie entlassen. Sie organisierte weiter Treffpunkte für homosexuelle Frauen. „Vor dem Krieg hatte auch Lotte Hahm noch etwas aufgemacht, am Alexanderplatz in dem Lehrervereinshaus im ersten Stock. Früher war da mal ein Tanzcafé; das hatte Lotte Hahm gemietet, und dort hat sie Frauenabende gemacht. Das ging aber auch nicht lange gut.“11 Nach 1945 leitete sie wieder einen Frauenklub. 1958 gehörte Lotte Hahm zu einer Gruppe, die versuchte den Bund für Menschenrechte neu zu gründen.12 Sie verstarb vermutlich kurze Zeit später.



Heike Schader (2004)


Aus: Schader, Heike: Virile, Vamps und wilde Veilchen. Sexualität, Begehren und Erotik in den Zeitschriften homosexueller Frauen im Berlin der 1920er Jahre. Königstein/Ts.: Ulrike Helmer Verlag 2004, S. 76f.





1 Glückwünsche zum Geburtstag von Charlotte Hahm gab es auch in der Neuen Freundschaft: „...eine unserer bekanntesten und populärsten Führerinnen in der Berliner homoerotischen Frauenbewegung“. In: Rundschau: Neue Freundschaft Juni 1928, Nr. 21, S. 4.


2 Lotte Hahm: Bericht über die Mitgliederversammlung vom „Violetta“. Freundin 1929, Nr. 17. Ausfürhlich zu den Umständen und den folgenden Querelen zwischen Lotte Hahm und Kati Reinhardt auf der einen und dem DFV auf der anderen Seite: Jens Dobler: Von anderen Ufern, S. 109 - 112.


3 Lotte Hahm: Geschäftliche Mitteilungen. Freundin 1932, Nr. 6. In dieser Anzeige teilte Lotte Hahm die Eröffnung der „Manuela Bar“ mit. Eröffnungsfeier war am 09.02.1932.


4 Lotte Hahm: Bund für ideale Frauenfreundschaft. Freundin 1930, Nr. 19.


5 Katharina Vogel, Zum Selbstverständnis lesbischer Frauen in der Weimarer Zeit. S. 167. In der Garçonne 1932, Nr. 18, tauchte unter den Mitteilungen des Deutschen Freundschafts-Verbandes die Vereinigung D‘Eon erneut auf. Vermutlich ist wiederum oder immer noch Lotte Hahm die Leiterin der Gruppe.


6 O. A.: Klubnachrichten über „Violetta“. Ledige Frauen 1929, Nr. 7.


7 Ebd.


8 Adele Meyer, S. 74 ff.


9 Z. B. Lotte Hahm: Sexualempfinden und Umkleidungstrieb der Transvestiten. Freundin 1930, Nr. 18.


10 Claudia Schoppmann berichtet, dass Lotte Hahm bereits Anfang 1933 vom Vater ihrer Freundin der Verführung Minderjähriger angeklagt wurde und ins Gefängnis kam. Claudia Schoppmann: Nationalsozialistische Sexualpolitik, S.166. Jens Dobler kann noch bis 1935 Aktivitäten Lotte Hahms als Veranstalterin nachweisen. Jens Dobler, Von anderen Ufern, S. 113 - 114.


11 Claudia Schoppmann: Zeit der Maskierung. Abdruck in Lespress 01/1999.


12 Jens Dobler, Von anderen Ufern, S. 228.